Dinge die so hätten stattfinden können...

von Dr. Christoph Kivelitz (2010)

Der Alltag der postmodernen Medienwelt ist geprägt und getragen durch Personen,
die als Stars betrachtet werden. Von übergroßen Plakaten lächeln sie in den 
Straßenraum hinunter, Boulevard-Magazine und -Zeitungen finden durch sie Glanz
und Glamour. Allabendliche Castingshows lassen uns lustvoll an ihrem Werden und
 Vergehen Anteil nehmen. Um unsere Neugier zu befriedigen, werden uns durch Paparazzi
 zu Sensationen aufgeputschte Nachrichten über die Arbeit, das Privat- und auch das 
Innenleben der Stars zugeführt. Die öffentliche Aufmerksamkeit entscheidet gnadenlos 
über Aufstieg und Erfolge dieser Ausnahmegestalten eines immer gleichförmiger
 werdenden Alltags. Das Starphänomen wird zum Wertmaßstab und zur Sinnstiftung einer 
das Individuelle und Besondere zunehmend auslöschenden Gesellschaft.
 Das Idealbild des Stars versteht sich als Abglanz von Schönheit und einer in sich selbst 
vollendeten Persönlichkeit, um damit aber auch alle Nuancen, Facetten und Widersprüche, 
die dem menschlichen Wesen zu Eigen sind, zu überstrahlen.
 Im weitesten Sinne lassen sich die Videos von Thorsten Wagner der Bildgattung des 
Porträts zuordnen. Dem Künstler geht es darum, das Wesen einer Person eben gerade 
auch in ihren Brüchen und Gegensätzen zum Ausdruck zu bringen. Menschen, die ihn 
besonders faszinieren, deren soziale, kulturelle und individuelle Lebensumstände ihn
anziehen, sind ihm Ansatzpunkt für ein Szenarium, das sich in nicht mehr zu 
differenzierender Weise zwischen Fact und Fiction bewegt. Recherchen über die 
tatsächlichen Lebenswirklichkeiten dieser Menschen verbinden sich mit hypothetischen 
Elementen. Vorgefundenes und Erdachtes werden so miteinander verschränkt, dass 
hieraus ein komplexes Möglichkeitsbild erwächst. In feinen Abstufungen entsteht eine 
Sozialstudie, die zwar von der Begegnung mit einem Individuum ausgeht, die sich nicht 
aber explizit und exklusiv auf dieses zurück bezieht, vielmehr Elemente aus dessen Leben 
mit anderen Milieus verschmilzt und eine über seinen Horizont auswachsende 
Allgemeingültigkeit gewinnt. 
Aus den verschiedenen Versatzstücken von Realität entwickelt Thorsten Wagner eine 
Pars-pro-toto-Figur, die übergreifende gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge 
erhellt. Als filmisches Set wählt Thorsten Wagner einen Ort aus, den er als Regisseur 
behutsam verändert und gestaltet, um seinen jeweiligen Charakteren einen Rahmen zu 
stiften, ihre Gedanken und Gefühle, Visionen und Besonderheiten auch im jeweiligen 
Umfeld sicht- und spürbar werden zu lassen. Das Persönlichkeitsbild erweitert sich um 
Vergangenheits- und Zukunftsaspekte.

So lässt der Künstler den Betrachter bei seinem Video »Crazy« in den Kosmos eines 
Entertainers und eines Barpianisten eintauchen. Interview-Sequenzen wechseln sich mit 
solchen aus den Auftritten der beiden Unterhaltungskünstler ab. Als Found Footage 
eingeblendeter Applaus vermittelt die Atmosphäre einer Live-Übertragung, die sich 
aufgrund der Mode und Frisuren der Zuschauer in den Kontext der 70er Jahre 
zurückversetzen lässt. Damit eröffnet sich eine weitere, von der des Rezipienten 
abgehobene Zeitebene, die sich allerdings mit dem Retro-Outfi t des Sir Archibald und 
auch des Bar-Ambientes sinnvoll verbinden lässt. Dabei ist sich der Protagonist seines 
widersprüchlichen Rollenbildes durchaus bewusst. Erinerseits erfüllt er das Klischee des 
Künstlers als Außenseiter und Individualist, andererseits betrachtet er seine Aufritte 
einfach nur als Job, der der Sicherung seines Lebensunterhalts und der kurzweiligen 
Zerstreuung des Publikums dienen soll: »ich mag zwar nicht das Niveau eines 
Entertainers aus Las Vegas erreichen, aber das macht nichts, und das empfindet mein 
Publikum auch so, die wollen unterhalten werden und das bekommen sie.« 
Der hierin sich artikulierenden Selbstbescheidung entspricht die eigentümlich 
melancholisch gefärbte Grundstimmung der Pianobar. Idealbild als Künstler und Realität 
als verschrobener Sonderling lassen sich schwerlich miteinander versöhnen. 
Thorsten Wagner macht sich bei der Analyse dieses Sachverhalts zwar Verfahren des dokumentarischen Films zu Eigen, doch nicht im Sinne einer Bloßstellung. Nicht der 
porträtierte Mensch wird in seiner Fragwürdigkeit entlarvt, vielmehr wird die Kategorie des 
Stars grundsätzlich in Frage gestellt.

Das Video »Donnersperg« fokussiert einen Zeitzeugen, der anhand von Archivmaterialien 
seine Zeit als Anhänger, Mitglied oder auch Leitfigur der fiktiven „Kommunistischen 
Einheitspartei Deutschlands“ aufl eben lässt. Der Protagonist selbst erscheint als 
gebrochene Persönlichkeit, die in ihren Erinnerungen Pathos und Aufbruchsstimmung 
der untergegangenen Partei bewahrt, in ihrem trostlosen Alltagsleben jedoch gleichzeitig 
den Illusionsverlust nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus resignativ vor Augen 
führt. Das kärgliche Wohnambiente scheint gleichzeitig Clichévorstellungen über die 
Lebensverhältnisse im DDR-Alltag zu bestätigen. Die politische Propaganda-Rhetorik 
akzentuiert die Tristesse und Farblosigkeit der kärglichen Alltagsverrichtungen des 
Ditterich von EulerDonnersperg. 
Die Liedertafel Margot Honneckers verstärkt die assoziative Bezugnahme auf DDR-typische 
Aufputschparolen, wohingegen die Verortung der Erinnerungen des Protagonisten in den 
90er Jahren den historisch bekannten Sachverhalten widerspricht. Thorsten Wagner zitiert 
Bilder und Motive, die tief im kollektiven Bewusstsein sowohl der West- als auch der 
Ostdeutschen verankert sind. Durch die Verschränkung unterschiedlicher Zeit- und Bewusstseinsebenen vergegenwärtigt er das Fortwirken historischer Bezüge bis in unsere 
aktuellen Lebenswelten hinein. So begegnet uns hier eine Persönlichkeit, der es nicht 
gelungen sein mag, in der Nach-Wende-Zeit für sich eine neue Identität zu formulieren. 
In der Symbolstruktur der »KED« verwurzelt, beschwört Donnersperg gleichzeitig aber auch 
die Möglichkeit einer vom Konsens abweichenden Realität. Hier vermittelt Thorsten Wagner
das Bild einer Persönlichkeit, die in sich den komplizierten Prozess der Wiedervereinigung 
verkörpert und durch ihr Erinnerungspotential – als Zeitzeuge – auch einen Horizont für 
Veränderungen und Erneuerungen eröffnen kann.

Bei »Ich bin Franz Jansen« handelt es sich um eine komplexe interaktive Arbeit, die dazu 
einlädt, über ein DVD Menü in eine Fülle von Aktionen und Kampagnen des Aktivisten Franz 
Jansen einzudringen. Wiederum entblättert sich das Bild eines Sonderlings und 
Außenseiters, der sich auf eher verlorenem Posten und mit völlig anachronistischen Mitteln 
für Frieden einsetzt und in anarchischen Projekten seinen Lebenssinn gefunden hat. 
Die teilweise mit Verkleidungen und Installationen am Straßenrand verknüpften 
Interventionen gewinnen den Charakter künstlerischer Aktionen. 
Künstler und politischer Aktivist scheinen gleichermaßen – wie Don Quijote – gegen die 
Gegebenheiten der politischen und sozialen Wirklichkeit anzutreten, um damit in einer 
Vergeblichkeitsschleife verfangen zu sein. Die Absurdität verstärkt sich durch die 
Widersprüchlichkeit seiner Ziele, kämpft er doch für den Frieden, um gleichzeitig die USA, 
Israel und die Nato zu unterstützen. Damit engagiert er sich für militärisch agierende 
Mächte, die den außerparlamentarisch organisierten Friedensbewegungen als Feindbilder 
gelten. Doch gerade die Widersinnigkeite seiner Mission verrückt seine Aktionen in die 
Bereiche des Utopischen, um sich damit auch den Wertmaßstäben und Festlegungen 
einer pragmatisch und rational ausgerichteten Medienöffentlichkeit grundsätzlich zu 
entziehen.

Bei der Video-Arbeit »Profiling für Selbständige« handelt es sich schließlich um ein 
Selbstporträt, in dem es aber gleichermaßen darum geht, Momente der Selbstbetrachtung 
in eine übergreifende gesellschaftliche Milieuschilderung einzubinden. Der Titel evoziert 
ein für die moderne Leistungsgesellschaft gängiges Coaching-Verfahren, in dem es um die 
Ausdifferenzierung einer Existenzgründungsidee geht.
Die Eingangsszene zeigt – mit wackeliger Helmkamera aufgenommen – Szenen aus dem 
Privatleben des Protagonisten. Die verwackelten Bilder stehen für Authentizität und eine 
den Betrachter möglichst nah einbeziehende Unmittelbarkeit. Am Ende dieser Sequenz 
steht das Öffnen eines Briefes, mit dem der Protagonist – also der Künstler selbst – die 
Einladung zu einem »Profilingseminar« erhält, um damit den Übergang vom privaten ins 
öffentliche Leben einzuleiten. Die sich anschließende Sequenz vermittelt einen Bruch: der 
Protagonist sitzt in jovialer Haltung auf einer Art Clubsessel. Der ihm gegenüber aufgestellte 
zweite Sessel suggeriert eine bevorstehende dialogische Situation. Steht am Anfang die 
Aufforderung zur Professionalisierung und beruflichen identitätsbestimmung, so scheinen 
hier bereits Erfolg und damit verbundenes gesellschaftliches Ansehen errungen zu sein. 
Die Denkerpose bringt Überlegenheit und Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Das Ambiente 
entspricht dem Clichébild des Herrenzimmers, in dem – abgeschlossen von der Öffentlichkeit – 
Entscheidungen getroffen und in einem verschwörerischen Ränkespiel Karrieren 
vorbestimmt werden. Der hier bezeichneten elitären Abgeschlossenheit steht dann die 
Ästhetik eines bei ›myspace‹ eingestellten Videoclips diametral entgegen. Es folge eine 
Casting-Situation im nostalgisch anmutenden Ambiente eines Programmkinos. 
Hier stehen dialogische Fragmente eines Kneipengesprächs neben Nah- und 
Totalaufnahmen des Bewerbungskandidaten. Vielfältige Wechsel in der Kameraführung 
und Präsentationsästhetik lassen diesen in den verschiedensten Facetten erscheinen.
Kaum vermittelt sich das Bild einer kohärenten Persönlichkeit, vielmehr das eines 
Menschen, der um seinen gesellschaftlichen Platz in Worten, Gesten und Posen ringt. 
Inhalts- und formale Ebene stehen dabei in einer Wechselwirkung, insofern der Protagonist 
eine filmische Laufbahn anstrebt, während gleichzeitig die vielfältigen Filmschnitte seine 
Fähigkeiten in diesem Bereich unter Beweis zu stellen.
So entsteht wiederum ein Persönlichkeitsbild, das autobiographische Bezüge in sich 
aufhebt, sich auch auf die aktuelle Lebenslage Thorsten Wagners nach dem Abschluss 
seiner Meisterklasse beziehen lässt, gleichzeitig aber auch die allgemein gesellschaftliche
Problematik des schwierigen und risikobeladenen Berufsfi ndungsprozesses in sich
verdichtet. Der Künstler kommentiert damit gleichermaßen die Psychologie einer durch Massenarbeitslosigkeit in ihrer Struktur fraglich gewordenen Gesellschaft, die in Casting-
Shows ein Alltagsvergnügen findet und das hierin sich artikulierende Leistungsprinzip,
elitäres Denken und Wertemuster als Motivationsfaktor begreift.

Im Gegensatz zu den Medien fokussiert der Künstler nicht die Stars dieses allgemein-gesellschaftlichen Rankings, um Spott über die hoffnungslosen Verlierer niedergehen
zu lassen. Er weicht vielmehr die vermeintlich eindeutigen Selektionsprinzipien auf. 
Thorsten Wagner nimmt die Menschen ins Blickfeld, die sich diesem Raster nicht einfügen 
'lassen. Gerade dadurch sind sie ihm Garanten einer vieldimensionalen, sich permanent in 
der Identität neu bestimmenden Gesellschaft. Den Beschleunigungsmechanismen einer 
zum Superstar und in die Öffentlichkeit drängenden Gesellschaft stellt er sich mit seiner 
privat formulierten Entschleunigungsstrategie retardierend entgegen.



SOYUZ APOLLO
Beim Rauhen Hause 43
22111 Hamburg